Transcendence (oder: Ich fühl mich heut so digital)

912Sk0ezR5L._SL1500_Jahr: 2014
Regie: Wally Pfister
Laufzeit: 119 Minuten
Budget: 100 Mio.$

Der Inhalt kurz und knapp:

Für den einen oder anderen mag bereits sein Smartphone zu intelligent sein, für Dr. Will Caster (Johnny Depp) ist dies jedoch gerade erst der Anfang. Als Teil einer Forschungsgruppe versucht der Informatiker eine künstliche Intelligenz zu kreieren, die durch ihre Vernetzung schon bald eine höhere Komplexität erreichen soll, als die Menschheit in Gänze. Doch dagegen lehnt sich eine Aktivistengruppe namens RIFT auf, die solche Forschung unbedingt verhindern will. Im ganzen Land werden daher Wissenschaftler auf diesem Gebiet umgebracht, und auch Dr. Caster wird mit einer radioaktiv gespickten Kugel angeschossen und liegt im Sterben. Als seiner Frau Evelyn (Rebecca Hall) Dokumente zugespielt werden, in denen ein Weg beschrieben ist, wie ein menschlicher Geist in einen Großrechner geladen werden kann, kommt es zu einem verwegenen Plan. Will Casters Persönlichkeit und Wissen sollen fortan als digitales Programm weiter existieren. Doch auch ohne Expertenwissen auf diesem Gebiet wird es schnell klar, dass eine solche Prozedur gewisse Risiken birgt, die auch schneller eintreten, als dass der User „esc“ drücken kann.

Die Meinung:

Wally Pfister… Wally Pfister… Bei dem Namen mag es vielleicht klingeln, sofern man während des Abspanns von „Inception“ oder der Dark Knight-Trilogie ein offenes Auge bewiesen hat. Denn bei dem Regisseur von „Transcendence“ handelt es sich um den Haus- und Hofkameramann von Christopher Nolan, der bei diesem Film erstmals auf dem Regiesessel Platz nahm. Nun also ein Film über künstliche Intelligenz, dem Streben nach Unsterblichkeit und der Frage nach dem Kern menschlichen Geistes. Puh. Ein ganz schön dickes Brett, das es hier zu bohren gilt. Hat der Bohrer versagt oder bringt uns der Film eine komplexe philosophische Frage näher?

Nun, sieht man sich in diesem Internet um, von dem heutzutage alle reden, bekommt man nicht gerade Lust auf den Film. Sage und schreibe 19 Prozent bekommt der Film auf meinem präferierten Bewertungsportal Rotten Tomatoes, womit sich der Film in einer unrühmlichen Nachbarschaft zu vielerlei Filmschund befindet. Interessanterweise habe ich diesen Wert erst nach meiner Sichtung wahrgenommen, wobei mich dieser Verriss wirklich überraschte. Denn „Transcendence“ hat einige wirklich spannende und auch geistig höchst interessante Eigenschaften, die alleine schon mehr als besagte 19 lächerliche Prozentpünktchen verdient hätten.

Ganz allgemein ist die Idee, dass ein menschlicher Geist in einem Computersystem abgespeichert werden kann und dort vielleicht sogar weiter existiert so alt, wie die Erfindung der Computertechnologie. Man könnte sogar sagen, dass dies eine klassische SciFi-Geschichte ist. „Transcendence“ schafft es diese sperrige Idee jedoch so aufbereiten, dass sie zum einen verständlich ist, zum zweiten aber auch emotional greift. Gerade in der ersten Hälfte des Films schafft der Film eine Grundlage, wodurch Will Caster nicht zu einem reinen Objekt wird, welches Inhalt eines wirren Experiments ist. Vielmehr lässt sich die Ambition seiner Frau und seines Freundes Max (Paul Bettany) nachvollziehen, den Tod zu überlisten. Bis zu diesem Punkt und auch stellenweise im späteren Verlauf blitzen immer wieder Fragen der Philosophie und der Ethik auf. Ist der menschliche Geist nur eine Ansammlung von Daten, die sich im Zweifel auch in einem Computer abbilden lassen? Und wenn ja, ließe sich eine menschliche Existenz so fortsetzen?

Doch an dieser Stelle kommt dann leider doch irgendwann der inhaltliche Knick. Denn der Film weiß so recht selber keine Antwort auf diese Fragen. So reicht das Drehbuch nicht für 119 Minuten und am Ende verliert sich der Film selbst in seiner Geschichte. Das lässt sich am Ende leicht ablesen, wenn Will Casters digitales Alter Ego plötzlich zu einer Art omnipotentem Wesen aufsteigt und dank Nanotechnologie im Fingerstreich die Welt von allem Übel erretten kann und vor allem auch will. So scheint das Ende der künstlichen Intelligenz samt dem globalen Datennetz ein großer Fehler zu sein. Aber halt? Wollte der digitale Will nicht eben noch alle Menschen zu halben Maschinen umfunktionieren? Irgendwie geht hier die Gleichung des Drehbuchs nicht auf.

Die sonstigen Eigenschaften des Films lassen sich kurz zusammenfassen in: Tolle Bilder! Hier hat Pfister sein Wissen aus den Nolan Produktionen unverkennbar mit eingebracht. Ein leicht vergeudeter Cast. Paul Bettany, Cillian Murphy und Morgan Freeman haben eher wenig zu tun… Johnny Depp ist größtenteils nur auf Monitoren zu sehen. Die Action ist solide, wirkt aber teils deplatziert.

Unterm Strich ist „Transcendence“ zwar kein besonders guter Film, jedoch auch weit entfernt von der Gurke des Jahres. Leider scheitern das Drehbuch und die Arrangierung an der Komplexität der aufgeworfenen Frage. Allerdings ist es dem Film hoch anzurechnen, diesen Versuch überhaupt erst unternommen zu haben. Denn diesen Film als gedankliche Basis für sich selbst, im stillen Kämmerlein, oder in der Diskussion zu nutzen, bietet sich wahrlich an. Zudem besitzt der Film tolle Bilder, stimmungsvolle Musik und nicht zuletzt einen tollen Cast, wenngleich dieser wie erwähnt nicht voll ausgeschöpft wird. Vielleicht aber konsequent, da dies mit der Grundidee auch nicht passiert.

Das Fazit (für Lesefaule):

Vielleicht ist „Transcendence“ einer der unterbewertetsten Filme dieses Jahres. Sicherlich hat Wally Pfisters Erstlingswerk einige Schwierigkeiten, die sich vor allem an dem Drehbuch ausmachen lässt, das nur für eine gute Stunde trägt. Danach verliert sich der Film in einem viel zu unstrukturierten und überladenen Ende. Dabei geht die große Stärke leider unter, nämliche einen Einstieg in die komplexe philosophische Frage nach dem Sein. Das klingt wahnsinnig hochgegriffen und vielleicht ist es daher auch nicht verwunderlich, dass „Transcendence“ hieran scheitert. Doch alleine den Mut zu beweisen, 100 Millionen Dollar in die Darstellung dieses Aspekts der Menschlichkeit zu investieren (wir reden hier immerhin vom knüppelharten Mainstream-Kino), lässt mich den Hut ziehen. Schade, dass dies aufgrund der negativen Rezeption nicht honoriert wurde.

Wertung:

7.0

Trailer:

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4 Gedanken zu “Transcendence (oder: Ich fühl mich heut so digital)

  1. Schön, endlich mal eine positive Besprechung! Die Thematik finde ich sehr spannend und Wally Pfister hätte ich auch einiges zugetraut, war aber durch diverse Kritiken abgeschreckt. Nun schaue ich vielleicht doch mal rein… 🙂

    1. Vielleicht auch nach dem Schauen 1-2 Tage verstreichen lassen. 😉 Direkt nach dem Film hatte ich auch eine sehr mäßige Meinung. Doch als ich mir klar machte, was das Drehbuch versucht zu stemmen, stellte sich das Werk dann doch sehr anders da.

  2. Ich finde den Film völlig überbewertet. Die Chemie zwischen Johnny Depp und Rebecca Hall ist quasi nicht vorhanden. Und dafür, dass Johnny Depp nur ein paar Mal zu sehen ist, aber 15% des Gesamtbudgets als Gage bekommen hat, ist er auch ziemlich überbezahlt. Wer einen tollen Film über künstliche Intelligenz sehen will, sollte sich EX MACHINA anschauen.

    Hier meine Review zu Transcendance: https://filmkompass.wordpress.com/2014/04/27/transcendence-2014/

    1. „Transcendence“ ist sicherlich auch kein guter Film und die 7,0 vielleicht ein bisschen zu hoch. 😉 Was mir imponiert hat war zumindest der Wille ein wirklich schwieriges Thema greifbar und mit viel Geld darzustellen. Alleine deswegen und weil der Film an sich gut produziert ist, wollte ich mich der Verrisswelle nicht anschließen.
      Aber du hast natürlich Recht, denn „Ex Machina“ ist der wirklich bessere Film. 😉 Allerdings liegt das Thema hier schon etwas anders, aber ist natürlich genauso komplex.

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