Fahrenheit 451 (oder: Feuer marsch!)

Jahr: 1966
Regie: François Truffaut
Laufzeit: 109 Minuten
Budget: 1,5 Mio. $

Der Inhalt kurz und knapp:

Die Feuerwehr hat ja so einige Aufgaben. Da wäre als erstes natürlich das Löschen von Feuer zu erwähnen, aber natürlich auch so Dinge wie sich um Autounfälle zu kümmern, Bergungen an Binnengewässern oder das klischeehafte Retten von Kätzchen aus zu hohen Bäumen. Doch in der Zukunft haben sich diese Aufgaben zu einer konsolidiert, nämlich dem Verbrennen von Büchern. Da staunt der Laie – die Feuerwehr legt Brände? Und der Fachmann wundert sich, warum dies ausgerechnet Bücher sein sollen. Nun, in der Logik dieser Zukunft sind Bücher kein Hilfsmittel der geistigen Erleuchtung oder des Zeitvertreibs, sondern Quell von Kummer und allerlei negativen Empfindungen. Aus dieser Erkenntnis heraus erging für diese ein Verbot, wodurch diese nun samt ihrer Leser verfolgt und anschließend verbrannt werden. Der Feuerwehrmann Montag (Oskar Werner) gehört zur Truppe 451, die ihren Namen der Temperatur in Fahrenheit verdankt, bei der Papier anfängt zu brennen. Doch obwohl er eigentlich glücklich sein sollte, immerhin sind Bücher fast gänzlich vernichtet und täglich werden glücklich machende Pillen verteilt, beginnt Montag sich eins zu fragen – was zur Hölle steht in den Büchern drin, die ich den ganzen Tag verbrenne? Es kommt wie es kommen muss und der einst stramme Feuerwehrmann traut sich den nächstbesten Buchdeckel zu öffnen.

Die Meinung:

Jaja, so ist das mit den Plänen. Eigentlich wollte ich im CinemaScope regelmäßig Klassiker behandeln, gerade auch um mich selbst ein wenig dazu zu zwingen, meinen geistigen Filmfundus zu erweitern. Doch dann kamen mir irgendwie zu viele aktuelle Filme in Quere, die es zu verbloggen galt. Doch Schwamm drüber, alles vergessen. Heute soll endlich wieder einmal ein Klassiker erlegt werden – „Fahrenheit 451“ aus dem Jahre 1966. Dieser zählt zu dem mittlerweile doch gut gefüllten Genre der Dystopien, die zu der damaligen Zeit (zumindest filmisch), jedoch eher dünn besäht war. Da ich schon immer ein Faible für diese Art Filme hatte, soll nun also Feuer im CinemaScope gemacht werden… was ein Wortspiel…

Was mich an „Fahrenheit 451“ unmittelbar fasziniert hat ist seine äußere Form. Denn die kommt für einen Film, der stramm auf 50 Jahre zugeht, doch sehr modern daher. Grund dafür ist natürlich, dass der Film in einer fiktiven Zukunft spielt, zumindest aus Sicht der 60er Jahre. So wurden vor allem Drehorte gewählt, die einen modern-futuristischen Charme besitzen, der sich tatsächlich bis in die heutige Zeit rettet. Obwohl sich hier und da kleinere Anachronismen verstecken, kann man sich als Zuschauer von heute noch durchaus gut den Film zur Gemüte führen. Natürlich ist dem Film hier und dort sein Alter anzumerken, insbesondere was die Tricktechnik angeht. Die ist teils dann schon unfreiwillig komisch, wenn fliegende Polizisten an den Himmel geschnitten werden.

Doch kommen wir zum eigentlich entscheidenden Teil des Films, des übergeordneten Settings. Immerhin handelt es sich bei „Fahrenheit 451“ immerhin um eine klassische Dystopie. Hierbei muss ich sagen, dass ich die Grundidee des Films, bzw. des zugrundeliegenden Buches sehr interessant finde. Wie es sich für einen Vertreter dieses Genres gehört, wird mit der Darstellung der fiktiven, zukünftigen Welt eine grundlegende Frage des menschlichen Seins versucht anzugehen. Lässt sich durch eine Gesellschaftsform ein uneingeschränkt glückliches Leben erzeugen oder besser gesagt erzwingen? Und wird der Mensch automatisch glücklich, wenn versucht wird ihm sämtliche negativen Emotionen abzugewöhnen? Durchaus interessant. Was mir an Truffauts Interpretation gefällt ist, dass diese nicht mit der absoluten Unterdrückungskeule à la „1984“ anmarschiert. Die Manipulation der Menschen erfolgt in „Fahrenheit 451“ subtiler und in mancher Hinsicht perfider.

Im Grunde also beste Voraussetzungen, wäre da nicht das wirklich miserable Drehbuch. Das Problem ist, dass es „Fahrenheit 451“ in mancherlei Hinsicht wirklich an Handlung fehlt. Was vor allem untergeht ist der eigentliche Punkt der Gesellschaftskritik. Der Film fokussiert sich beinahe ausschließlich auf den Protagonisten Montag, der als neuinterpretierter Feuerwehrmann die Nachbarschaft unsicher macht. Das gesamte System hinter der Feuerwehr, die mediale Manipulation, die pharmazeutische Zudröhung der Bevölkerung – als das sind Themen die vom Film eigentlich angelegt sind. Aber aus irgendeinem Grund wird nahezu nichts davon abgerufen. Insofern lässt sich auch schlecht vom Zuschauer bewerten, wie denn die Gesellschaft in dieser Dystopie aufgebaut ist und wie diese auf den Bücherentzug reagiert. Hier hätte die Geschichte den Fokus höher legen müssen, da von dem Szenario so gar nichts zu sehen ist – der Zuschauer ist viel zu nah am Protagonisten. Zudem baut sich der Spannungsbogen des Films erst sehr spät auf, so dass gerade die Entwicklung der ersten Filmhälfte zu zäh verläuft.

Zum Abschluss noch ein kurzes Wort zur deutschen Synchronisation. Wie oft für Filme dieses Produktionszeitraumes, ist die Synchro wirklich schwer zu ertragen. Insbesondere die Entscheidung, dass Oskar Werner seine Rolle selbst synchronisiert ist wahrlich keine besonders pfiffige. Auch die Charaktere (es sind spannenderweise zwei) von Julie Christie sind mir in der deutschen Vertonung unangenehm störend aufgefallen. So würde ich hier dringend die englische Variante empfehlen. Die Tonspur besitzt, zumindest in meiner DVD-Fassung, zwar ebenfalls keine klangliche Brillanz, aber ist deutlich besser zu ertragen.

Abschließend kann ich zwar keine uneingeschränkten Lobgesänge auf „Fahrenheit 451“ singen, würde den Film aber schon für den geneigten Freund zünftiger Dystopien empfehlen. Der Film geht in seinen Ausführungen einer spannenden Grundthese nach und bietet einige nachdenkliche Szenen. Allerdings leidet der Film an seinem zu starken Fokus auf die Hauptperson und zeigt ironischerweise für eine umfängliche Gesellschaftskritik zu wenig Gesellschaft. Hier hätte man für ein flammendes Spektakel ein wenig mehr Feinarbeit am Drehbuch leisten müssen… Hach, was ein Wortspiel!

Das Fazit (für Lesefaule):

Endlich wieder einmal ein Klassiker im CinemaScope! „Fahrenheit 451“ gehört sicherlich zur bekannteren Riege der Zukunftsdystopien, kann allerdings meiner Meinung nach nicht mit den Größen des Genres mithalten. Insgesamt fehlt es dem Film an einer wirklich ausgearbeiteten Skizzierung der gesamten Gesellschaft, wie dies beispielsweise „1984“ oder „Soylent Green“ leisten. Der Film konzentriert sich auf den Protagonisten Montag, sowie dessen engstes soziales und räumliches Umfeld, wodurch der Begriff der Gesellschaftskritik ein wenig schwierig erscheint. Welche Regierung steht hinter der Bücherverbrennung? Welche weiteren Mittel stehen dem System zur Verfügung? Diese und ähnliche Fragen bleiben (zumindest vom Film) unbeantwortet. Dennoch wirft „Fahrenheit 451“ ein durchaus interessantes Gedankenexperiment auf und prüft die Frage, ob mit dem Verzicht auf vermeindlich negative Emotionen, automatisch ein besseres Leben eintritt. Zwar versandet die Antwort innerhalb des Films ein wenig in dem etwas ungeschickt gestrickten Drehbuch, aber alleine der Versuch und die gewählte Ausdrucksweise machen „Fahrenheit 451“ in Summe dann doch sehenswert.

Wertung:

Sechs Bücher und ein Programmheftchen, die langsam aufqualmen.

6.5

Trailer:

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